China brachte Real Madrids Mbappé zu einer Entschuldigung für eine Mao-Bemerkung, doch viele wissen nicht genau, was er gesagt hat.

Am Montagabend, während Kylian Mbappé in London an der Ballon-d’Or-Zeremonie teilnahm, geriet er auch in das Zentrum einer grossen Kontroverse in den chinesischen sozialen Medien.

Fussballfans waren auf einen Clip gestossen, in dem er über das Meme scherzte, über das er am meisten lache. Darauf ist sein Gesicht einem «chinesischen Diktator» überlagert, der Mao Zedong ähnlich sieht. Unter Mao erlebte das Land eines der blutigsten Kapitel seiner Geschichte.

Die Empörung breitete sich rasch aus. Chinesische Marken kappten nacheinander ihre Verbindungen zu Mbappé, und China Media Group, die Muttergesellschaft des staatlichen Senders CCTV, setzte die Übertragungen von La-Liga-Spielen aus. Ein Sprecher des Aussenministeriums erklärte: «Worte und Handlungen, die die Gefühle des chinesischen Volkes verletzen, werden naturgemäss auf den gemeinsamen Widerstand aller Teile der chinesischen Gesellschaft stossen.»

Im chinesischen Internet nannten allerdings nur wenige explizit, worum es ging, und kaum jemand verwendete den Namen Mao, der im Land nach wie vor fast heilig verehrt wird. Chinas ausgeklügeltes Zensursystem, das 1,4 Milliarden Menschen vom globalen Internet abschneidet, sorgte dafür, dass viele nicht genau wussten, was passiert war.

Allein der Vorwurf, die «Gefühle des chinesischen Volkes verletzt» zu haben, reichte aus, um eine Welle der Wut auszulösen. Algorithmen sozialer Medien verstärkten sie, und ein stark kontrolliertes Internet tat ein Übriges, in dem die Menschen zögern, der Mehrheitsmeinung zu widersprechen.

Bald darauf erklärte Mbappé, einer der grössten Fussballstars der Welt, dass es ihm aufrichtig leid tue, und sprach von einem «unüberlegten» Kommentar. Auch sein Club Real Madrid und die spanische Liga La Liga entschuldigten sich. China ist ein riesiger Markt für den weltweit populärsten Sport.

Peking erklärte später, dass es die Entschuldigung des Fussballers «ernst» nehme. China Media Group hat bislang nicht mitgeteilt, ob die Übertragungen wieder aufgenommen werden.

«Eine Entschuldigung ist das Mindeste, was er tun sollte, aber ich verzeihe ihm nicht. Ich unterstütze ein Verbot für ihn», lautete ein meistbeachteter Kommentar auf Weibo.

Empörung über den Vergleich

Mbappé erwähnte Mao im Interview nicht namentlich. Dennoch empfanden viele jeden Scherz, der den Gründer des kommunistischen China einbezog, als Grenzüberschreitung.

«Weisst du, wen du verletzt hast? Er ist die geistige Säule des chinesischen Volkes», hiess es in einem Weibo-Kommentar, den mehr als 700 Nutzer mit einem Like versahen.

«Er ist die wichtigste Figur in unserer Geschichte. Glaubst du, dass eine simple Entschuldigung alles wieder in Ordnung bringt?», schrieb ein anderer.

Ironischerweise fragen sich trotz der heftigen Kritik viele Nutzer in den chinesischen sozialen Medien noch immer, was der französische Stürmer genau gesagt hat. Sie probierten KI-Chatbots aus, die ebenso zensiert sind wie das chinesische Internet und keine Antworten liefern konnten. Andere versuchten zu erklären, umschifften jedoch jede Erwähnung Maos.

Man sprach von «der Person auf dem 100-Yuan-Schein» und von «dem Lehrer», einem Titel, den Mao selbst einst für sich benutzte. Screenshots des Memes und des Interviews kursierten, wobei sowohl das Wort «Diktator» als auch Mbappés Gesicht unkenntlich gemacht waren.

Weder die Erklärung des chinesischen Aussenministeriums noch die Entschuldigungen von Mbappé, Real Madrid und La Liga erwähnten Mao direkt.

Maos widersprüchliches Erbe

Mao führte die Kommunistische Partei Chinas im Bürgerkrieg zum Sieg und gründete die Volksrepublik China. Er starb 1976.

Trotz der Turbulenzen seiner Herrschaft, darunter der Grosse Sprung nach vorn und die Kulturrevolution, die eine Hungersnot mit Millionen von Toten auslösten und gewaltsame Säuberungen in der gesamten chinesischen Gesellschaft entfesselten, gilt er in China bis heute als verehrte Figur.

Ein Porträt Maos hängt über dem Tiananmen-Platz in Peking, ein Symbol dafür, wie zentral er in der modernen chinesischen Vorstellungswelt ist. Anders als bei anderen früheren chinesischen Führern ist sein einbalsamierter Leichnam dort öffentlich aufgebahrt und zieht jeden Tag Zehntausende Besucher an. In den vergangenen Jahren ist das Interesse junger Menschen an ihm wieder gewachsen. Sie lesen seine Schriften und schauen Clips von ihm in den sozialen Medien.

Chinesische Geschichtsbücher spielen die Verwüstungen während Maos Herrschaft herunter. Die Kommunistische Partei urteilt, seine Verdienste wögen schwerer als seine Fehler. Aus ihrer Sicht ist er «ein grosser Revolutionär und ein grosser Marxist».

Ausserhalb Chinas sieht die Geschichte Mao dagegen sowohl als Revolutionär als auch als Diktator. Entsprechend anders fielen die Reaktionen der Diaspora aus, also von Dissidenten ebenso wie von Menschen, deren Familien vor Jahrzehnten infolge von Maos Herrschaft aus China geflohen waren.

«Du musst dich nicht entschuldigen, du liegst nicht falsch», lautete ein viel gelikter Kommentar auf Chinesisch unter Mbappés Erklärung auf X.

«Diejenigen, die sich entschuldigen sollten, sind die KPCh. Sie haben das chinesische Volk entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen», schrieb ein anderer chinesischer Nutzer.

Auf X und Threads, die beide in China nicht erreichbar sind, brachte die Kontroverse noch mehr Memes hervor. Manche zeigen Mbappés Gesicht auf anderen Bildern von Mao, andere gehen weiter und setzen es auf den Körper des amtierenden chinesischen Staatschefs Xi Jinping.

Der Rest des Internets reagierte einfach ratlos.

«Ehrlich gesagt ist das schwer nachvollziehbar… Es scheint, als dürften Menschen ihre Führer nicht kritisieren. Und man erwartet, dass die ganze Welt gleich denkt wie sie? Das ist lächerlich», lautete ein meistbeachteter Kommentar unter Real Madrids Entschuldigung auf Instagram.

«Wie kannst du es wagen, einen Diktator einen Diktator zu nennen? Schrecklich», schrieb ein anderer Nutzer auf X.

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